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    Zu Brandon Sanderson muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, schließlich gehört der fleißige US-Schriftsteller zu den beliebtesten Fantasy-Autoren seiner Generation und hat mit Büchern wie Elantris oder der Mistborn-Reihe bereits einige moderne Klassiker des Genres abgeliefert. Das neuste Buch ist zur Abwechslung mal kein Roman sondern eine Sammlung aus drei, voneinander unabhängigen, Novellen. Die erste dieser Geschichten gab dem Buch seinen deutschen Titel:

    Die Seele des Königs

    seeledeskönigs

    (c) Heyne Verlag
    Autor: Brandon Sanderson
    Umfang: 448 Seiten
    seit 10.03.2014 im Handel
    Leseprobe bei Amazon

    In einem asiatisch angehauchten Reich in der Welt von Elantris existiert ein ganz besonderes Handwerk, dessen Meister die Fähigkeit besitzen, mithilfe von so genannten Seelenstempeln die Beschaffenheit von Gegenständen auf fast schon magisch wirkende Weise zu manipulieren. Und nur die besten unter ihnen, so etwa die Protagonistin Wan ShaiLu, vermögen auch Menschen auf ähnliche Art zu beeinflussen. Als Shai durch Verrat im Kerker landet, winkt ihr fürs Bewältigen einer nie zuvor dagewesenen Herausforderung die Freiheit: Nach einem Attentat konnte zwar der Körper des Kaisers wiederhergestellt werden – seine Seele soll aber noch komplett rekonstruiert werden. Erschwert wird das Ganze nicht zuletzt durch die Machenschaften der kaiserlichen Berater. Außerdem muss Shai aufpassen, dass Stolz und der Wunsch, das unmöglich scheinende Werk zu vollenden, ihr nicht am Ende zum Verhängnis werden…
    Während die Auftraggeber Fälscher dieser Art verachten und mit viel Misstrauen beäugen, sieht Shai sich selbst als Künstlerin. Und letztendlich hat sie damit auch Recht – im Laufe der Geschichte erfährt man viel über die komplexen Regeln ihres Berufs und erkennt, wie schwierig schon vermeintlich simple Kreationen zu bewältigen sind.
    Ein paar Flucht-Szenen samt raffiniertem Stempel-Einsatz bringen auch ein wenig Action in die Handlung, insgesamt wird hier aber eine eher ruhige Geschichte erzählt, in der vor allem die vielschichtige, vom Autor klug erdachte Fälscherkunst im Mittelpunkt steht.

    Legion

    Novelle Nummer zwei ist in einem völlig anderen Szenario angesiedelt, nämlich in der Gegenwart unserer eigenen Welt. Stephen Leeds hält sich eigentlich für einen ganz normalen Durchschnittsmann, doch seine psychischen Besonderheiten machen ihn unter anderem zu einem erfolgreichen Detektiv und von Wissenschaftlern umschwärmten Phänomen: Er besitzt eine in Dutzende Untercharaktere aufgespaltene Persönlichkeit. Die nur für ihn wahrnehmbaren Gefährten verfügen über eigene Meinungen und teilweise auch über recht wenig Verständnis für die Macken der anderen, was zu einigen Streitereien führt. Und – das ist das Erfolgsgeheimnis – die verschiedenen Persönlichkeiten, von Stephen als „Aspekte“ bezeichnet, haben ihre ganz eigenen Informationen und Fähigkeiten, über die er selbst (zumindest bewusst) nicht verfügt. Da wären z.B. Waffen-Experte, wandelndes Geschichtslexikon, Psychologin, Übersetzerin und vieles mehr. Als Stephen den Auftrag erhält, einen untergetauchten Forscher samt revolutionärem Projekt aufzuspüren, kommen ihm diese hilfreichen Talente natürlich gerade recht.
    Die Spannungen zwischen Stephen und den Aspekten sorgen für allerlei lustige Situationen, genau wie die Reaktionen von Außenstehenden, die ja z.B. nur beobachten, wie der Held angeregt Selbstgespräche führt. Die interessante Idee und der Humor der Geschichte haben mich wirklich gut unterhalten – schade, dass Legion die kürzeste der drei Novellen ist.

    Infinity Blade: Die Klinge der Unendlichkeit

    Die letzte Novelle entführt uns in ein auf den ersten Blick eher klassisches Fantasy-Szenario, aber mit ein paar ungewöhnlichen Elementen und technischen Spielereien gewürzt. Seit Generationen ziehen die Männer aus der Familie des jungen Siris in den vermeintlich aussichtslosen Kampf gegen den unsterblichen Gottkönig. Zwar wurde Siris von Kindesbeinen an auf das finale Duell vorbereitet, doch mit einem Sieg hatte niemand gerechnet – nicht mal er selbst. Aber der scheinbar unmögliche Fall tritt ein. Da steht er plötzlich, mit dem legendären Schwert des Gottkönigs und allerlei anderen magischen Ausrüstungsteilen ausgestattet, und hat endlich die Freiheit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Doch so ein Unsterblicher ist nicht leicht tot zu kriegen und durch diverse Nebencharaktere kommen weitere Komplikationen auf Siris zu, der noch dazu erkennen muss, dass er in einem Lügengebilde aufgewachsen ist.
    Auch Infinity Blade enthält in seinen Dialogen eine willkommene Prise Humor, gut gefallen haben mir außerdem Schöpfungen wie ein extrem wandelbarer Golem oder auch die verschiedenen Funktionen der Ausrüstungsobjekte.
    Ein starker Videospiel-Touch ist nicht von der Hand zu weisen. Was ja auch kein Wunder ist, schließlich bildet diese Novelle eine Verbindung zwischen dem beliebten iOs-Game Infinity Blade und dessen Nachfolger. Die vorangegangenen Ereignisse werden im Buch aber vernünftig zusammengefasst, so dass die Geschichte auch ohne Spiel verständlich ist. Das Ende bleibt allerdings offen. Wenigstens die zweite dazugehörige Novelle (angesiedelt zwischen den Spielen Infinity Blade II und III) hätte lieber auch noch den Weg in diese Sammlung finden sollen. Und selbst dann fehlt ohne drittes Spiel ja noch der Abschluss der Story. Hm… irgendwie unbefriedigend.

    Schönes, aber nicht perfektes Gesamtpaket

    In dem bunten Mix aus verschiedenen Welten und Grund-Ideen dürfte für fast jeden Sanderson-Fan etwas dabei sein – welche Geschichte man am besten findet, ist natürlich mal wieder Geschmackssache. Mir persönlich liegt das asiatische Setting aus Die Seele des Königs nicht so besonders, aber manch anderer Leser wird sich bestimmt gerade über diesen im Genre nicht ganz alltäglichen Schauplatz freuen.
    In solchen Novellen bleibt natürlich weniger Raum für komplexe Charakterentwicklungen als etwa in einem Roman oder gar einer Serie, doch Sanderson gelingt es auch in diesem begrenzten Rahmen, einige interessante Figuren zu schaffen. Vor allem die verschiedenen Aspekte aus Legion kommen ziemlich sympathisch rüber und ein Wiedersehen mit dem vielschichtigen Stephen würde bestimmt vielen Lesern gefallen.
    Leider ist das Buch schneller durchgelesen, als man es angesichts seiner Seitenzahl erwarten könnte, denn hier wurde in einer recht großen Schriftart und mit sehr breiten Seitenrändern gedruckt. Ein dünneres, dafür günstigeres Exemplar wäre meiner Meinung nach die bessere Alternative gewesen.
    Zum Abschluss möchte ich noch kurz über ein paar kleine Macken der deutschen Übersetzung meckern. Ein Beispiel: „In the mid to late 1700s“ wurde hier zu „Mitte oder Ende des 17. Jahrhunderts“. Lieber Übersetzer: Das müsste 18. Jahrhundert heißen. Und bei diesem Satz sträuben sich mir die Nackenhaare: „Doch mit jener Person hatte er nicht mehr gemein wie eine Eichel mit einer mächtigen Eiche.“ Nichts für ungut…

    Fazit

    Brandon Sanderson beweist auch in diesen Novellen einmal mehr seine Fähigkeiten als Schöpfer interessanter Welten und ungewöhnlicher Magiesysteme. Mir hat es hier vor allem der schizophrene Stephen mit seinen vielseitig begabten Persönlichkeitsaspekten angetan. Auch die komplexen Fälscherfähigkeiten aus Die Seele des Königs sorgen für innovatives Lesefutter, während Infinity Blade vor allem durch ideenreich kreierte Wesen und Gegenstände unterhält. Letzterer Geschichte merkt man aber leider deutlich an, dass sie bloß ein Teil einer ganzen Serie ist, welche sich nur Kennern der Fortsetzung und der dazugehörigen Spiele komplett erschließt. Ob man generell etwas mit Novellen anfangen kann, ist natürlich Geschmackssache. Ich finde solche Geschichten für zwischendurch in Ordnung, bevorzuge dann aber doch die "richtigen" Bücher des Autors.

    Wertung


    Pro

    • abwechslungsreiche Mischung
    • interessante Szenarien und eigene Ideen
    • einige sympathische Charaktere

    Contra

    • Infinity Blade ist nur ein Teil einer Gesamt-Geschichte
    • das Buch ist weniger umfangreich als man auf den ersten Blick vermutet

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Bücher, Fantasy
    von Christina Schmitt 25.Mrz.2014 1.810 x gelesen