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    Die neue Reihe Die göttlichen Städte von Robert Jackson Bennett entführt uns in eine Welt, die in vielen Dingen der unseren ähnelt, letztendlich aber doch ganz eigenen Gesetzen folgt. Die Stadt der tausend Treppen bildet den Auftakt.

    Die Zeiten ändern sich
    Verschiedene Gottheiten mit ihrem Wunderwirken verhalfen der Bevölkerung des Kontinents einst zu einer Epoche der Hochkultur und der Herrschaft über das Volk der Saypuri. Bis es einem aus den Reihen der Unterdrückten gelang, die Überwesen zu vernichten. Der Kontinent stürzte ohne die Hilfe der Götter ins Chaos und vegetiert noch heute unter der Besatzung durch die einstigen Sklaven vor sich hin. Die Ausübung jeglicher Religion ist unter Strafe verboten, selbst die bloße Erwähnung der Götter wird bereits geahndet. Als ein Historiker aus Saypur entsandt wird, um sich mit der Geschichte des Landes zu befassen, wird das Fass des schwelenden Konflikts zum Überlaufen gebracht – Unbekannte prügeln den verhassten Wissenschaftler zu Tode. Eine Bekannte des Ermordeten nimmt in der Hauptstadt Bulikov die Ermittlungen auf. Bald stellen sich zwei zentrale Fakten heraus: Hinter der vermeintlichen kleinen Botschaftsangehörigen Shara, welche als diese Hauptdarstellerin agiert, verbirgt sich weit mehr, als sie ihre Mitmenschen glauben machen will. Und sie sticht in ein Wespennest, in dem sich unerwartete Überbleibsel göttlicher Einflüsse verbergen…

    (c) Bastei Lübbe
    Umfang: 624 Seiten (Taschenbuch)
    seit 16.02.2017 im Handel
    Leseprobe / Bei Amazon bestellen

    Klein, aber oho
    Mit der Agentin Shara steht eine gewitzte Heldin im Mittelpunkt des Geschehens, der nicht zuletzt ihr geballtes Wissen über die Vergangenheit des Kontinents immer wieder eine große Hilfe ist. Unterstützt wird sie durch einige gelungene Nebencharaktere, darunter eine Art Leibwächter mit düsterer Vorgeschichte, die im Laufe der Handlung enthüllt wird und seine scheinbare Furcht- und Gefühllosigkeit erklärt. Des weiteren ein einflussreicher Einheimischer, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, und eine raubeinige Kommandantin, die sich ausgelaugt vom jahrzehntelangen Botschaftsdienst nach einem vorgezogenen Ruhestand in sonnigen Gefilden sehnt.
    Die Erzählperspektive in der dritten Person (und meistens in der Gegenwartsform) folgt meistens Shara selbst und wechselt nur selten kurz zu anderen Figuren, um Ereignisse in deren Umfeld zu illustrieren.

    Schöne Welt und schlaue Wörter
    Das Setting der Geschichte ist recht ungewöhnlich, schon im Hinblick auf den Schauplatz Bulikov – seit dem Verschwinden der Götter und dem darauf folgenden Zusammenbruch des Weltgefüges führen dort z.B. Treppen ins Leere und Gebäude sind auf kuriose Weise ineinander gerutscht.
    Ansonsten ist der Kontinent, was etwa Namen und Traditionen betrifft, osteuropäisch angehaucht, während Saypur deutlich indische Einflüsse zeigt.
    Technische Errungenschaften haben in der Gesellschaft Einzug gehalten, nachdem sich die Bevölkerung nicht mehr auf den göttlichen Beistand verlassen konnte – man bewegt sich mit Eisenbahn oder Automobil fort, Nachrichten werden telegrafisch übermittelt und vor ein paar Jahren wurde die Fotografie erfunden. In anderen Bereichen ist der Stand der Dinge aber noch eher mittelalterlich, vor allem für die Armen.

    Der Autor nimmt sich Zeit, diese Welt des Buchs auszugestalten. Und die Atmosphäre ist dann auch wirklich sehr gut gelungen. Egal ob Szenen aus dem Alltagsleben der Bulikover, die bürokratischen Hürden des Diplomatengeschäfts oder übernatürliche Phänomene. Alles wird anschaulich, detailreich und nicht zuletzt in eleganten Worten geschildert. Eine teils angenehm altertümlich wirkende und an Fremdwörtern nicht sparende Sprache fernab vom Mainstream bestimmt das Bild – man stößt z.B. auf Begriffe wie „Fluidum“ und „harangierte“. Durch seine Komplexität, ein paar fremdartige Konzepte und etwa auch den politischen Einschlag ist das Buch nichts für zwischendurch, Geduldige werden aber mit einer interessanten Story belohnt, die sich unter anderem mit Fanatismus und all seinen Schrecken befasst.

    Hier geht es über weite Strecken um Politik, Ermittlungsarbeiten und das Agentenleben. Übernatürliches ist eben nur als EINE Zutat in diesem Mix enthalten. Begegnungen mit gruseligen ehemaligen Schergen der Gottheiten sorgen für Spannung, manchmal kommt die Story aber nur ein wenig langsam voran. Atmosphärisch ist sie dafür wie gesagt durchaus dicht, trotzdem wäre etwas mehr von der Action nett gewesen, die zwischendurch und vor allem am Ende des Buches geboten wird.
    Apropos Ende: Die Stadt der tausend Treppen ist in sich abgeschlossen, auch wenn im Herbst ein zweites Buch der Reihe erscheinen soll. Dort erlebt dann anscheinend die oben erwähnte dienstmüde Soldatin ein eigenes Abenteuer.

    Fazit

    Die Stadt der tausend Treppen ist ein interessanter Genremix, in dem unter anderem Agentenarbeit, religiöser Fanatismus, politische Themen und Übersinnliches aufeinandertreffen. Der Autor hat seinen Schauplatz detailliert ausgestaltet und nutzt dabei ein abwechslungsreiches und komplexes Vokabular. Schon dadurch ist die Geschichte nicht unbedingt leichte Kost und die Themen werden auch nicht alle Fantasy-Fans ansprechen. Wer sich auf die ungewöhnliche Mischung einlassen kann, wird jedoch mit einer vielschichtigen Handlung belohnt, die stellenweise nur etwas mehr Action vertragen könnte.

    Wertung


    Pro

    • gelungene Genremischung mit interessanten Themen
    • überzeugende Atmosphäre
    • pfiffige Heldin
    • schöner Schreibstil

    Contra

    • etwas schwieriger Einstieg
    • zwischendurch leichte Spannungshänger

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Bücher, Fantasy
    von Christina Schmitt 29.Mrz.2017 355 x gelesen