• Werbung

  •  
    Anmelden

    In seinem Romandebut zeichnet Mattias Oden eine Zukunftsvision, die einige der Prinzipien unserer Konsumgesellschaft auf die Spitze treibt und andere völlig auf den Kopf stellt. Es wird ein totalitärer Überwachungsstaat beschrieben, in dem Konsum die oberste Pflicht eines jeden Bürgers ist. Jegliche Art von Rauschmittelgenuß gilt als Nachweis der Gesinnungstreue – je exzessiver, desto besser. Das geht so weit, dass diejenigen, die den öffentlichen Freitod durch Überdosis zelebrieren, als Volksheld geehrt werden. Wohlstand wird daran gemessen, wieviel Müll man sich in den Garten schütten lässt.

    Neben den für bestimmte Zwecke und in bestimmten Humanklassen spezifisch gezüchteten Menschen, gibt es noch sogenannte höhere Maschinenwesen – kurz HMW -, die Bürgerrechte besitzen und offenbar verschiedenste biomechanische Konstrukte mit künstlicher Intelligenz darstellen.

    Junk Town Cover

    (c) Heyne
    Umfang: 400 Seiten
    seit 09.05.2017 im Handel
    Leseprobe / Bei Amazon bestellen

    Crime Scene Gebärmaschine
    Alles in allem also eine Mischung aus 1984 und Brave New World auf Cyberpunk Ecstasy. Junk Town ist die städtische Verkörperung all dessen und der Autor führt den Leser in eine Kriminalgeschichte um eine Mordserie, die ihren Ausgang an einem jener HMWs nimmt, der Brutmutter BM17, einer Art Gebärfarik für hunderte menschliche Embryonen.

    Protagonist der Geschichte ist Inspektor Solomon Cain – Held der Konsumrevolution und Witwer einer goldenen Schützin, die sich wie beschrieben für das Regime geopfert hat. Je mehr Fakten der desillusionierte und mit dem System unzufriedene Ermittler sammelt, desto mysteriöser und undurchsichtiger scheint es zu werden. Denn BM17 wurde nicht einfach nur ermordet, sondern es wurde auch ihr komplettes Zuchtprogamm abgetrieben, das zudem gänzlich abseits der typischen Aufträge konzipiert war.

    So steuert Cain auf einem Trip in eine Verschwörungsgeschichte, wobei ihn seine eigene Vergangenheit einzuholen droht.

    zwischen farbigen Metaphern und Strukturformeln
    Mattias Oden präsentiert das Ganze in einem sehr gefälligen und lockeren Schreibstil, der von Metaphern aller Couleur nur so strotzt, wodurch es überwiegend wirklich Spass macht, die Ausführungen zu verbildlichen. Leider ist das nicht durchgehend so, da an vielen Stellen mit pseudowissenschaftlichen Ergüssen und dem Auflisten von irgendwelchen chemischen Strukturformeln einfach nur Füllmaterial verballert wird, das für die Story völlig irrelevant ist und auch dem technischen Verständnis kaum zuträgt.

    Dennnoch gelingt es, durchgängig die Spannung aufrechtzuerhalten und den Leser bis fast zum Schluss mit Inspektor Cain miträtseln zu lassen. Dabei bekommt man eigentlich wenig Action geboten, denn von der Atmosphäre bewegt sich die Story eher irgendwo chillig in Richtung Film Noir. Während einige Elemente des technischen Repertoires eindeutig aus der Cyberpunk Ecke kommen, hat man dennoch nicht den Eindruck, sich in einem völlig in diese Richtung konzipierten Szenario zu befinden. Dafür sind dann doch wieder zu viele Retro-Anleihen zu finden.

    Die Geschichte kommt unterm Strich mit erstaunlich wenig Nebencharakteren aus, die dadurch sehr gut greifbar werden. Etwas irritiert hat mich die obligatorische Sexszene, die zwar kurz aber dafür sehr explizit ausfällt und kaum als jugendfrei zu beschreiben ist. Aber in Zeiten, wo zwölfjährige unbeschränkt Internet fähige Schlautelefone mit sich herumtragen, darf das wohl niemanden mehr schockieren.

    Fazit

    Junk Town hat mich tatsächlich recht gut unterhalten, auch wenn dessen verdrehte Weltordnung recht surreal wirkt. Speziell die blumige aber unverblümte Schreibe macht das Lesen zu einem Vergnügen. Die dystopische Krimal-/Verschwörungsgeschichte weiß trotz mäßigen Tempos über die volle Distanz die Spannung aufrechtzuerhalten und kann mit glaubwürdigen Charakteren aufwarten. Speziell die Thematik um ungehemmten, ja sogar vorgeschriebenen Drogenkonsum, ist aber sicherlich nicht jedermanns Sache.

    Wertung


    Pro

    • surreale Dystopie
    • lockerer Schreibstil
    • bleibt durchgängig spannend

    Contra

    • verharmloster Drogenkonsum
    • viel pseudo-wissenwchaftliches Füllmaterial
    • etwas behäbiges Tempo

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

    Klicke für mehr zum Thema , , , , , , ,

    Kategorien: Bücher, Science-Fiction
    von André Pannenbecker 13.Jun.2017 1.037 x gelesen