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    Virtual Reality gibt es schon lange, aber erst mit der aktuellen Hardware-Generation um Oculus & Co könnte der Durchbruch gelingen. Welche Möglichkeiten abseits von Porno und Gaming bietet das? Und was wird das aus unserer Gesellschaft machen? Eine Frage, der auch der Journalist Jens Lubbadeh in seinem Roman-Debüt nachgeht.

    unsterblich

    (c) Heyne
    Umfang: 448 Seiten
    seit 11.07.2016 im Handel
    Leseprobe / Bei Amazon bestellen

    Virtuelle Unsterblichkeit
    Im Jahr 2044 sind virtuelle Realität und Wirklichkeit zur Blended Reality verschmolzen, die die Menschen über einen Hirnchip wahrnehmen. Mit dem Versprechen virtueller Unsterblichkeit hat der Konzern Immortal sich an die Spitze geschwungen und u.a. auch diverse Prominente wiederbelebt wie z.B. Schauspieler und Politiker. Diese wandeln als sogenannte „Ewige“ mit künstlicher Intelligenz in der Blended Reality – etwas, das Immortal jedem Bürger verspricht, der es sich leisten kann, sein Leben mit einem Tracker aufnehmen zu lassen.
    Benjamin Kari ist für die Zertifizierung prominenter Ewiger zuständig. Eine davon ist Marlene Dietrich – die eines Tages plötzlich verschwindet. Kari wird beauftragt, die Hintergründe ihres Verschwindens zu klären. Gleichzeitig sorgt ein Whistleblower für Aufsehen, der Immortals geheime Machenschaften ans Licht zerren will.

    Die Zukunftsvision von Lubbadeh geht zwar interessanten Fragen nach, insbesondere der, was aus der Gesellschaft wird, wenn virtuelle Unsterblichkeit winkt, sie wirkt allerdings in vielen Bereichen nicht durchdacht. So sollen z.B. viele Länder von virtuellen Ex-Politkern wie JFK oder Deng Xiao Ping regiert werden. Ziemlich undenkbar, dass China sich von einer virtuellen Persönlichkeit repräsentieren ließe, die von den Servern eines US-Konzerns kontrolliert wird. Auch blendet Lubbadeh andere Bereiche der Gesellschaft weitgehend aus. Unklar bleibt z.B., warum die Menschen trotz Hirnchip noch ein Mobiltelefon mit sich herumschleppen oder trotz der Möglichkeit, virtuell an jedem Ort zu erscheinen, noch Auto fahren oder überhaupt ihre Wohnung verlassen.
    Für Stirnrunzeln sorgt der Autor auch dadurch, dass er Fragen aufwirft und erst viele Seiten später beantwortet. So wird z.B. früh erwähnt, dass Kameras die Ewigen nicht aufnehmen können, dennoch soll Marlene Dietrich neue Filme drehen. Wie das? Erst 80 Seiten später wird erklärt, dass es Spezialkameras gibt, die auch das Virtuelle mit aufnehmen können. Dennoch bleibt offen, wie so ein Film funktionieren soll, da die virtuellen Ewigen nichts berühren können.

    Neben diesen Schwächen, die vor allem Genrefans aufstoßen werden, die wert auf Logik legen, kann auch die eigentliche Geschichte nicht überzeugen. Protagonist Kari ist ein 08/15-Büromensch von oft absurd anmutender Naivität, bei dem es schwerfällt, Sympathien zu empfinden. Die meisten anderen Figuren bleiben blass oder klischeehaft, das gilt insbesondere für die Antagonisten. Die Handlung dümpelt – zunächst eher wie ein Krimi – recht müde dahin, wird durch oft zu lange innere Monologe zusätzlich ausgebremst und kann auch am Ende, wenn die Story eher zum Thriller wird, nur mäßig Fahrt aufnehmen.

    Stilistisch zeigt sich deutlich, dass der Autor aus dem Journalismus kommt. Es gelingt ihm gut, Zusammenhänge zu erklären, bei der eigentlichen Handlung fallen seine oft stakkatoartigen, kurzen Sätze hingegen eher negativ auf. Insgesamt bleibt der Eindruck, dass dem Roman mehr Feinschliff in allen Bereichen gut getan hätte und er wegen des aktuellen VR-Hypes vielleicht etwas überstürzt auf den Markt geworfen wurde. Positiv ist hingegen das wirklich einprägsame Cover hervorzuheben.

    Fazit

    Wer bei SF vor allem philosophische Gedanken über unsere Gesellschaft schätzt, mag hier mal einen Blick riskieren. Freunde durchdachter Zukunftsvisionen sind hier allerdings genauso falsch wie Fans spannender Thriller-Kost, es fehlt oft der Feinschliff im Detail und die Handlung ist insgesamt nur mäßig spannend. Alternativ rate ich zu „Der Circle“.

    Wertung


    Pro

    • interessante Grundidee
    • einige zum Nachdenken anregende Gedankengänge

    Contra

    • Zukunftsvision im Detail nicht durchdacht
    • Handlung nur mäßig spannend
    • Charaktere blass und oft zu naiv

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Bücher, Science-Fiction
    von Kilian Kuhn 11.Aug.2016 711 x gelesen