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    Über zwanzig Jahre ist es mittlerweile her, dass die ersten Ego-Shooter die Spielewelt revolutionierten. Den Zuschauer in der Ego-Perspektive unmittelbar ins Geschehen zu ziehen, wurde auch mit Found Footage-Filmen mehrfach versucht, Filme wie Doom oder das Remake von Robocop hatten außerdem kurze Sequenzen aus der Sicht des Protagonisten zu bieten.
    Dieses Jahr erschienen nun die ersten Filme die komplett in der Ego-Perspektive gedreht wurden. Einer davon ist der SF-Actioner „Hardcore“.

    hardcore

    (c) Capelight
    Laufzeit: 90 Minuten
    ab 09.09.2016 im Handel
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    Cyborg auf der Flucht
    Henry wacht auf einem OP-Tisch auf. Ihm fehlen ein halber Arm und ein halbes Bein, er kann nicht sprechen. Eine Wissenschaftlerin namens Estelle vervollständigt seinen Cyborg-Körper mit Prothesen und erklärt ihm, dass er wiederbelebt wurde, nachdem er von einem Verbrecher zusammengeschlagen wurde. Außerdem eröffnet Estelle ihm, dass sie seine Frau ist, aber Henry kann sich an nichts erinnern.
    Bevor sein Sprachmodul installiert werden kann, taucht der telekinetisch begabte Bösewicht Akan auf, der Estelles Cyborg-Forschung stehlen will. Henry gelingt es zu entkommen, aber Estelle ist in Akans Gewalt. Der Beginn einer wilden Hatz.

    Regisseur Ilya Naishuller machte 2013 mit dem Musikvideo „Bad Motherfucker“ (hier ansehen) auf sich aufmerksam, das quasi ein Prototyp für Hardcore war. Der mit einer Helmkamera ausgestattete Hauptdarsteller, prügelt, ballert, rennt und springt in einem Büro herum, um seinen Häschern zu entkommen. Das Video dauert knapp 4 Minuten und ist durchaus ansehnlich.

    Für Hardcore hat sich Naishuller ein dürres Storygerüst ausgedacht und die Idee des Musikvideos auf 90 Minuten ausgedehnt. Was zu Beginn eine interessante Erfahrung für den Zuschauer ist, wird im weiteren Verlauf leider ein hektisches Actiongewitter, bei dem sich der Ego-Effekt schnell abnutzt. Das liegt vor allem an Naishullers Einfallslosigkeit. Sicher, in Sachen Stunts brennt Hardcore ein Wahnsinnsfeuerwerk ab, aberwitzige Parcourseinlagen, wilde Feuergefechte, Prügelszenen und Verfolgungsjagden reihen sich aneinander, eigentlich sollte man als Zuschauer nie zur Ruhe kommen. Inhaltlich fällt Naishuller aber so gar nichts ein und so muss er die Lücken mit immer neuen Gewaltexzessen füllen, weil er sonst nichts zu bieten hat – von einigen humorigen Einlagen mit Sharlto Copley abgesehen, die aber auch nicht immer wirklich witzig sind.

    Dabei erweist sich die Ego-Perspektive in ihrer Dauerhaftigkeit eher als hinderlich. Der stumme Hauptdarsteller taugt nicht als Identifikationfigur, sodass der Zuschauer eher unbeteiligt bleibt, statt direkt ins Geschehen gezogen zu werden. Die Actionsequenzen sind zwar wild und einige Stunts würden wohl Staunen lassen, durch die wackelige Kamera und das rasende Tempo geht aber alles so schnell, dass zum Staunen gar keine Zeit bleibt. So staunt man letzten Endes mehr über die inhaltliche Einfallslosigkeit und darüber, wie langweilig so ein Actionfeuerwerk wird, wenn man zur Hauptfigur keinerlei Beziehung herstellen kann. Im Grunde könnte man sich genauso gut ein Let’s Play-Video zu einem Ego-Shooter ansehen, man würde es ähnlich unbeteiligt verfolgen.

    So muss man letzten Ende attestieren, dass dieser Ego-Perspektiv-Versuch in die Binsen gegangen ist. Die Ego-Perspektive funktioniert dann, wenn man sich als Zuschauer selbst in die Rolle der Hauptperson versetzt fühlt. Dazu gibt einem Hardcore aber nie die Gelegenheit. Was bleibt ist eine interessante Seh-Erfahrung, die aber sicher nicht dauerhaft in Erinnerung bleibt.

    Fazit

    Was als Kurzfilm noch gut funktioniert, ermüdet in seiner Hektik und Einfallslosigkeit auf die Dauer. Hardcore ist ein seelenloses Actionfeuerwerk, das inhaltlich so gut wie gar nichts zu bieten hat und den Zuschauer deshalb durch immer brutalere Action und abgedrehtere Stunts zu fesseln versucht, ohne ihm aber Zeit zu lassen, diese Stunts auch zu würdigen.

    Wertung


    Pro

    • innovative Ego-Perspektive
    • aberwitzige Stunts

    Contra

    • keinerlei Verbindung zur Hauptfigur
    • Storygerüst äußerst dürr und unlogisch
    • hektischer Schnitt erlaubt es nicht, Stunts zu bewundern
    • verdammt nah an der Gewaltverherrlichung

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Filme, Science-Fiction
    von Jörg Benne 3.Sep.2016 937 x gelesen