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Lange bevor Die Tribute von Panem und diverse Nachfolger den Dystopie-Boom auslösten, erschien „The Giver“ von Lois Lowry, hierzulande als „Hüter der Erinnerung“. Eine Verfilmung war seit Mitte der 90er geplant, doch erst jetzt, nach dem Erfolg der jüngsten Dystopien, wurde der Plan umgesetzt. Hat das Warten sich gelohnt?

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(c) Studiocanal
Regie: Philip Noyce
Laufzeit: 94 Minuten
ab 05.02.2015 im Handel
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Ein Jugendlicher gegen das System
Jonas lebt in einer Welt, in der alle gleich sind. Es gibt keinen Hass, keine Gewalt, keinen Neid, aber auch keine Liebe, keine Leidenschaft, keine Kunst. Er steht kurz vor der Zeremonie in der bestimmt wird, was er als Erwachsener tun wird. Doch er erweist sich als Auserwählter und wird zum neuen Hüter der Erinnerung bestimmt, der die Vergangenheit aus der Zeit vor der Gründung der neuen Gesellschaft bewahren soll.
Je mehr er über die Vergangenheit erfährt, desto mehr begreift er den Verlust, den seine Welt erlitten hat und will seine neuen Erkenntnisse mit seinen Freunden teilen. Doch damit verstößt er gegen das System.

Wer – wie ich – unbedarft an den Film geht, denkt gerade zu Beginn, er habe hier eine Mischung aus Seelen (gefühllose Gesellschaft, glatter Technik-Look) und Divergent (Zeremonie bestimmt weiteres Leben) vor sich. Da die Vorlage schon 1993 erschien, tut man dem Film damit zwar unrecht, dennoch hat man das Gefühl einen Film vom Dystopie-Reißbrett zu sehen: Ein scheinbar perfektes System, ein Jugendlicher der es durchschaut und rebelliert, Liebe, Eifersucht, alles ist drin – und alles hat man schon gesehen.

Das eigentliche Problem des Films besteht aber darin, dass das Drehbuch relativ uninspiriert genau diesen ausgetretenen Pfaden zu folgen versucht. Dabei scheinen die Ideen des Buches, das Plädoyer für den Individualismus und das Menschsein, zwar immer mal wieder auf, spielen aber eine eher kleine Rolle. Stattdessen stehen Jonas’ zunehmende Desillusionierung und sein Konflikt mit dem System im Vordergrund.

Das funktioniert allerdings nicht, weil die Welt des Films beileibe nicht so durchdacht ist, wie die der Konkurrenten. Wieso sind in einer Welt, in der sich jeder an die Ausgangssperre hält, die Straßen nachts hell erleuchtet? Wie kann jemand nicht begreifen, dass er ein Kind tötet, wenn es aufhört zu atmen und er es nachher in einer Kiste ins Regal stellt? Wieso gibt es in einer Welt ohne Verbrechen Arrestzellen und Wächter? Die Liste der Ungereimtheiten ließe sich noch lange fortsetzen, gerade zum Ende hin reihen sich Logiklöcher aneinander.

Darüber hinaus ist die Geschichte auch noch relativ uninspiriert inszeniert. Die gleichgeschaltete Welt anfangs in schwarz-weiß darzustellen ist zwar ein netter Kniff (Pleasantville lässt grüßen), doch davon ab bleibt die Entwicklung von Jonas schwer nachzuvollziehen, auch weil wenige Minuten im Film Monate in der Welt abbilden sollen. Zugleich entfalten die Erinnerungen, die der alte Hüter (der Geber) Jonas übertragt nicht immer die erwünschte Wirkung, zum Teil erinnern sie eher an Werbefilmchen. So plätschert die Handlung trotz der kurzen Laufzeit recht bräsig vor sich hin.

Da rettet dann auch der exklusive Cast um Meryl Streep, Jeff Bridges (auch Produzent) und Katie Holmes nichts mehr, wenngleich sie es schaffen, ihren eigentlich emotionslosen Figuren erstaunlich viel Leben einzuhauchen. Die Schwächen des Drehbuchs können sie aber nicht überspielen und so ist Hüter der Erinnerung letztlich am unteren Ende der Dystopie-Verfilmungen einzuordnen.

Fazit

Auch wenn der Film auf einer viel älteren Vorlage basiert, wirkt er wie ein uninspirierter Mischmasch aus anderen Dystopie-Verfilmungen. Die Erinnerungen an das, was das Menschsein ausmacht, spielen eine zu geringe Rolle, die Welt ist zu unglaubwürdig und die Handlung zu bräsig und unlogisch um wirklich fesseln zu können.

Wertung


Pro

  • Plädoyer für das Menschsein
  • einige gute Bilder

Contra

  • Welt sehr unglaubwürdig
  • reihenweise Logiklöcher
  • viele Figuren bleiben blass
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Kategorien: Filme, Science-Fiction
von Jörg Benne 6.Feb.2015 1.933 x gelesen