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    Filme mit Menschenhandelsthematik zeigen zumeist, wie heldenhafte Retter versuchen, die hilflosen Opfer den Klauen der gnadenlosen Häscher zu entreißen. Das ist oft spannend inszeniert (siehe z.B. 96 Hours), doch so oft gab es das Ganze nicht aus der Perspektive der Gefangenen zu sehen. Die sind zumeist chancenlos gegen ihre Unterdrücker und müssen auf Hilfe von außen hoffen. The Seasoning House geht einen anderen Weg und zeigt das Geschehen aus Sicht eines taubstummen Mädchens, das irgendwann beschließt, mit aller Macht zurückzuschlagen. Gelingt das glaubwürdig?

    seasoninghouse_cover

    (c) Capelight 2013
    Regie: Paul Hyett
    Laufzeit: 90 Minuten
    ab 27.9.2013 im Handel
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    Der letzte Funken Menschlichkeit

    Mitten im Niemandsland des vom Krieg zerrissenen Balkans steht das Seasoning House. Ein düsterer und seelenloser Ort, an dem junge Mädchen prostituiert und verkauft werden. Hier hält sich Zuhälter Viktor die taubstumme Waise Angel als persönliche Sklavin. Sie bleibt zwar vom täglichen Kundenumgang verschont, muss jedoch für einen reibungslosen Ablauf im Haus sorgen. Dazu gehört, die an ihre Betten gefesselten Mädchen mit Essen zu versorgen, sie oberflächlich zu waschen und ihnen immer wieder Heroinschüsse zu setzen, damit sie keinen Widerstand leisten, wenn die zahlende Kundschaft sich an ihnen vergeht. Unbemerkt von ihren Peinigern, bewegt sie sich nach getaner Arbeit oft in den Hohlräumen zwischen den Wänden durch das verkommene Haus und hat so Zugang zu nahezu allen Räumen des Gebäudes. Dennoch scheint eine Flucht aussichtslos und der unmenschliche Viktor würde sie sicherlich auch nicht lebend entkommen lassen. Als Viktor ungebetenen Besuch von seinem früheren Militärkameraden Goran und dessen Gefolgsleuten bekommt, treibt es einer der Soldaten zu weit und eine Freundin von Angel wird brutal getötet. Das ist der Zeitpunkt, an dem sie ihr Schicksal nicht länger erträgt und beschließt, mit aller Härte zurückzuschlagen.

    Halb Drama, halb Rachefilm

    Der Hintergrund der Geschichte von Seasoning House ist der Balkankrieg. Das ist wichtig zur Einordnung, denn dieses traumatische Kriegserlebnis war geprägt von gnadenlosem Umgang mit der Zivilbevölkerung, die von Milizen ohne Mitleid abgeschlachtet wurde, egal, ob Kinder, Frauen oder Rentner. Die Zahl der Kriegsverbrechen belegt das barbarische Verhalten einiger Soldaten. Und diese raue Schonungslosigkeit ist ein Teil der Persönlichkeit geblieben, auch nach Ende des Kriegs. Das erkennt man gut an dem Verhalten des Bordellbesitzers Viktor und der Truppe rund um seinen alten Kameraden Goran. Menschen wie die zur Prostitution gezwungenen, jungen Frauen sind nichts weiter als wertloses Fleisch, das misshandelt und weggeworfen wird, wenn es seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Der Film ist in seiner Darstellung von Gewaltakten dementsprechend auch sehr drastisch, brutal und blutig geraten. Kehlenschnitt, multiple Stichwunden und Erschießungen geben sich die Klinke in die Hand und wirken ausgesprochen intensiv. Der Kriegskontext dürfte hier eine entscheidende Rolle bei der Bewertung durch die FSK gespielt haben, den Film trotz seiner enormen Zeigefreudigkeit ungeschnitten ab 18 Jahren freizugeben.

    Die taubstumme Angel ist in dieser lebensfeindlichen Umgebung die ideale Protagonistin, mit der man bedingungslos mitfiebert. Die Schauspielerin Rosie Day macht einen hervorragenden Job bei ihrer Darstellung des mit stoischem Tunnelblick seinen Aufgaben nachkommenden Mädchens, das erst aus seiner Trance erwacht, als die Leidensgenossin, die ihr am nächsten steht, zu Tode kommt. Als sie dann damit beginnt, ihre (übrigens auch hervorragend fies dargestellten) Peiniger zu dezimieren, ist das nicht so planvoll durchexerziert, wie es beispielsweise die Protagonistin aus I Spit on Your Grave macht. Es wird immer klar, dass hier ein verängstigtes Mädchen versucht, sich seiner Haut gegen gewissenlose Ex-Soldaten zu erwehren und dabei auch jederzeit scheitern könnte. Das geht nur unter Anwendung der Gewalt, die sie lange Zeit selbst beobachtet hat und so entwickelt sich der Film in der zweiten Hälfte zum spannenden Rachefilm. Dabei hebt sich das Werk aber doch deutlich von den üblichen Videothekenproduktionen ab, die das Konzept oft nur für eine Aneinanderreihung barbarischer Folter- und Mordszenen benutzen, um Fans der harten Gangart zu bedienen. The Seasoning House hat weitaus mehr Substanz, sowohl im atmosphärischen als auch im schauspielerischen Bereich. Die Kameraführung, der Soundtrack und die Ausstattung tragen darüber hinaus dazu bei, dass der Film einer der besten Beiträge zu diesem Thema geworden ist.

    Fazit

    The Seasoning House ist ein behutsam aufgebauter Film voll von schonungsloser Härte, der über die gesamte Distanz fesselt, es wegen seiner düsteren, bedrückenden Atmosphäre aber auch schafft, den Zuschauer nachdenklich zurückzulassen und kein "guilty pleasure" darstellt, wie es andere Rachefilme oft versuchen. Vielleicht macht ihn auch gerade das zu einem besonders starken Genrevertreter.

    Wertung


    Pro

    • enorm spannende Atmosphäre
    • klasse Darstellerleistungen
    • schonungslose Härte...

    Contra

    • ... die sanften Gemütern vielleicht zu viel ist

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Filme, Horror
    von Roman Beele 29.Aug.2013 2.680 x gelesen