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    Asymmetrische Multiplayerspiele, also solche in denen die Spieler in jeweils stark unterschiedlichen Rollen gegeneinander antreten, sind schwierig zu entwickeln und vielleicht auch gerade deswegen so relativ selten. Die Balance der unterschiedlichen Fähigkeiten richtig hinzukriegen, ist ein schwieriger Drahtseilakt. Haben die Entwickler alles richtig gemacht, kann dabei durchaus so ein Dauerbrenner wie die beiden Left 4 Dead-Spiele herauskommen. Leider gehört Evolve das vom gleichen Entwickler stammt, nicht unbedingt in diese Kategorie.

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    (c) 2K Games
    Systeme: PC, PS4, XOne
    seit 10.02.2015 erhältlich
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    Was bei Pacific Rim nicht mehr durch den Spalt passte…
    … treibt sich nun auf Shear herum. Dieser Planet ist Dreh- und Angelpunkt der dünnen SF-Handlung des Spiels. Auf dem erdähnlichen Planeten haben es sich zahlreiche Kolonisten bequem gemacht, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Das wäre auch nicht weiter schwierig, würden da nicht plötzlich haushohe Riesenmonster auftauchen, um alles kurz und klein zu hauen, was irgendwie nach Mensch aussieht. Woher die Viecher kommen bleibt indes unklar. Eine Truppe herbeigerufener intergalaktischer Monsterjäger soll die Kreaturen aufhalten.

    Ok, man merkt schon: Evolve legt keinen großen Wert auf den Singleplayer. Es gibt zwar eine Kampagne, die wirkt aber eher so, als wäre sie nur alibimäßig ins Spiel integriert. Sie besteht im Grunde aus fünf zufällig generierten Matches mit KI-Bots, welche ohne Storykontext aneinandergereiht werden, wobei die letzte immer eine Evakuierungsmission ist, in der wir ein Transportschiff gegen anrückende Monsterhorden verteidigen müssen. Je nachdem wie das Match ausgeht, bekommt man entweder eine Endsequenz zu sehen, in der alle sterben oder eine, in der das Transportschiff entkommt … und die Jäger umringt von Monstern ihrem Schicksal überlassen werden. Beides lässt einen dann doch etwas unbefriedigt zurück.

    Der Singleplayer ist immerhin für zwei Sachen gut: man kann die einzelnen Charakterklassen, Monster, Maps und Spielmodi ausprobieren ohne andere Mitspieler zu nerven (und die Bots, welche die restlichen Teammitglieder übernehmen sind wirklich ganz gut) und man kann aufleveln. Die erspielten EP und Freischaltungen gelten nämlich auch für den MP-Part.

    Aliens vs. Cowboys
    Im MP-Part gilt es zunächst, sich für Monster oder Jäger zu entscheiden. Spielt man als Monster, ist man grundsätzlich allein unterwegs und hat die Wahl aus drei unterschiedlichen Ungetümen (Vorbesteller bekommen später wohl noch ein viertes zur Auswahl): Der Goliath ist ein muskelbepackter Hau-drauf mit Feueratem und mächtigen Nahkampfangriffen. Die Krake ist hingegen flugfähig und teilt gern mit Fernkampfangriffen aus und der Geist als letzte Klasse ist besonders auf Verwirrung und Stealthangriffe ausgelegt. Als Monster muss man (zumindest im meistgespielten Modus – der Jagd) entweder alle Jäger ausschalten oder ein Energierelais zerstören. Dazu muss das Monster allerdings erst Stufe drei erreichen, indem es auf der Karte herumlaufendes Getier erledigt und verzehrt. Ist das Monster in der ersten Stufe noch etwas klein und schwach gepanzert, wird es auf Stufe drei zu einer kaum noch zu bezwingenden Killermaschine.

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    Die Missionen in der Kampagne werden durch kleine Cutscenes eingeleitet, welche kurz die Ausgangslage der Mission schildern.

    Bei den Jägern, die kurz nach dem Monster auf die Map abgeworfen werden, gibt es vier Klassen. Da wäre zunächst der Assault der dank seiner schweren Waffen den meisten Schaden austeilt, den Supporter, welcher dank eines Schildgenerators verbündete schützen und zudem verheerende Luftschläge anfordern kann und den Medic, welcher Teamkameraden heilen und die Panzerung des Monsters mit seinem Scharfschützengewehr schwächen kann. Zu guter Letzt gibt es noch die Trapper-Klasse, welche dafür zuständig ist das Monster einzufangen bzw. zu verlangsamen. Alle Teammitglieder verfügen darüber hinaus über ein Jetpack, das kurze Schwebeflüge und schnelle Ausweichsprünge in alle vier Himmelsrichtungen erlaubt. Außerdem gibt es noch Daisy, den stets von der KI gesteuerten Alien-Hund des Trappers, der das Monster erschnüffeln und gefallene Teammitglieder wiederbeleben kann. Jede der Klassen verfügt über drei unterschiedliche Charaktere mit eigenen Waffen, von denen jeweils zwei jedoch erst freigespielt werden müssen. Auf Monsterseite hat man im Gegenzug auch erst ab Level 20 Zugriff auf den Geist.

    Auf dem Papier wirkt das Konzept erfrischend neu und innovativ. In der Realität spielt sich das Ganze dann aber doch nicht so toll wie erhofft. Die meisten Matches laufen so ab, dass man in der Map landet und in neun von zehn Fällen erst einmal 10-15 Minuten damit beschäftigt ist, durch den Wald zu rennen um das Monster zu finden. Da die Viecher etwas schneller sind als die Jäger, ist das gar nicht so einfach. Meist ist es so, dass der Spieler des Monsters entweder gefunden wird weil er die Konfrontation sucht oder es handelt sich schlicht um jemanden mit wenig Spielerfahrung. Meistens ist jedoch ersteres der Fall und zwar immer dann, wenn das Monster die dritte Stufe erreicht hat. Und das ist in den meisten Fällen für eine bunt zusammengewürfelte Internet-Jägertruppe das Ende. Ja, es ist wirklich so: in den meisten Fällen bekommt man von dem Monster den Allerwertesten aufgerissen ohne das man groß etwas dagegen unternehmen kann.

    Nun könnte man natürlich sagen: „Ach, der ist einfach nur total Noob und verliert deswegen ständig!“ Ja, sage ich, das kann schon sein. Aber weil der Spieler, der das Monster steuert, kann er, sofern er sich halbwegs geschickt anstellt, das Match wesentlich leichter für sich entscheiden, da er ja nicht von anderen inkompetenten Teamkollegen behindert werden kann. Da das Monster zudem sehr viel Lebensenergie hat, besteht auch durchaus ein gewisser Spielraum für Fehler, während man als Mensch vergleichsweise wenig aushält.
    Ein Erfolg der Jäger ist hingegen nur dann möglich, wenn alle ihre Rolle optimal ausfüllen, da die einzelnen Fähigkeiten der Spielfiguren wie Zahnräder ineinandergreifen. Wenn der Assault durch ein kleineres Monster Lebensenergie verliert und anschließend nicht vom Medic geheilt wird, ist spätestens nach der nächsten Respektschelle vom Monster Schluss mit lustig. Wenn der Trapper seine Harpunen und den Dome (welcher das Monster kurzzeitig in einem begrenzten Gebiet gefangen hält) nicht richtig einsetzt, kann das Monster entkommen und sich wieder einen dicken Panzer anfuttern. Es braucht also nur einer der Spieler ein „Nixblicker“ zu sein und schon ist die Runde für die Jäger praktisch verloren, selbst wenn der Rest der Truppe eigentlich gut spielt. Und dass die Chance, bei einer Vier-Mann-Truppe wenigstens einen „Loser“ dabeizuhaben, natürlich nicht unerheblich ist, ist ja wohl offensichtlich. Anders sähe es aus, wenn die Jäger-Klassen nicht so stark voneinander abhängig wären. Aber so gewinnt das Monster meistens und so fällt das Spielerlebnis für den durchschnittlichen Jäger meist eher frustrierend aus. Es ist einfach (noch) nicht wirklich gut ausbalanciert. Und von dem doch etwas überpowerten „Geist“ will ich lieber gar nicht erst anfangen.
    Ob es jetzt am Balancing liegt, dass Evolve in den letzten Tagen einen so starken Spielerschwund zu verzeichnen hatte (von etwa 28000 Spielern gleichzeitig als Spitzenwert runter auf aktuell etwa 8000) oder doch eher an dem sich stets wiederholenden Spielverlauf, vermag ich nicht zu sagen. Wirklich überrascht hat mich das allerdings ehrlich gesagt auch nicht.

    DLC und Technik
    Gegen Echtgeld kann man schon jetzt diverse kleinere DLCs erstehen, die meisten sind allerdings
    rein kosmetischer Natur, sprich, Skins für Waffen und Monster. Diese lässt sich Turtle Rock recht
    happig bezahlen (z.B. rötlicher Skin für die Monster knapp 7 Euro). Es sollen aber auch weitere Jäger und Monster per DLC nachgeliefert werden, was in der Community für Unmut sorgt. Es bleibt abzuwarten, ob es Turtle Rock gelingt, die Befürchtungen, das Spiel werde dadurch zu einem Play-2-Win-Titel verkommen, zu entkräften.

    Zum Abschluss noch ein paar Sätze zur Technik des Spiels: die Grafik ist ansehnlich, aber nicht überragend. Das liegt im wesentlichen an der eintönigen Gestaltung und Farbgebung der Maps. Die insgesamt 12 Karten sehen sich untereinander sehr ähnlich und bieten nur selten auffällige Schauwerte. Ein Urwald, eine Fabrik, ein paar Gebäude – und das war es dann meistens. Man hat aber sowieso kaum Zeit sich die Grafik genauer anzuschauen, da man meist damit beschäftigt ist, dem Monster nach (oder vor ihm davon) zu laufen. Um das Spiel flüssig auf den Monitor zu bringen, sollte schon ein halbwegs flotter Prozessor (ein schneller Intel Vier- oder AMD-Sechskerner) und eine Grafikkarte aus dem Performance-Segment (z.B. eine Radeon 270x) im Rechner stecken. Auf dem PC herrscht zudem Steampflicht.

    Fazit

    Für mich ist Evolve eine Enttäuschung. Das Balancing ist unausgereift, der Spielverlauf auf Dauer eintönig (und kommt mir nicht mit den anderen MP-Modi außer Jagd, die spielt nämlich keiner!), die SP-Kampagne absolut uninspiriert und die einzelnen Maps untereinander zu ähnlich. Mit Patches und DLCs ließe sich da noch was machen, aber wenn Turtle Rock für weitere Monster und Jäger Geld verlangt, wird das eher Spieler abschrecken, als neue gewinnen. Nur wenn man mit einem wirklich eingespielten Team spielt und auch die Möglichkeit hat, sich abzusprechen, kommt als Jäger Freude auf. Das ist aber online eher die Ausnahme.

    Wertung


    Pro

    • frische Spielidee für einen asymetrischen Shooter
    • offen designte Maps mit viel Bewegungsspielraum ohne jedoch ZU groß zu sein
    • intelligent agierende Bots (gut zum üben)

    Contra

    • Fraktionen sind nicht wirklich gut ausbalanciert
    • lieblose Singleplayerkampagne
    • Maps sind sich optisch sehr ähnlich
    • auf Dauer wird das Spiel eintönig
    • zu viel herumgerenne, zu wenig "Action"

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Science-Fiction, Spiele
    von Denny Vitzthum 25.Feb.2015 3.438 x gelesen