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    Draußen 35 Grad, das Notebook kurz vorm Abrauchen, auf dem Bildschirm Schneegestöber – so sah es in den letzten Tagen manchmal bei mir aus. Das polnische Entwicklerteam IMGN.PRO sorgte mit seinem Erkundungs-Adventure Kholat zumindest optisch schon für etwas Abkühlung im Rekordsommer, bevor die ersten Gewitter loslegten. Aber was hat das Gruselspiel, basierend auf einem realen Vorfall, sonst noch zu bieten?

    Tod im Gebirge

    Die historische Grundlage für Kholat lieferte das so genannte „Unglück am Djatlow-Pass“, welches sich im Jahr 1959 ereignete. Eine Gruppe sowjetischer Ski-Wanderer kam damals unter ungeklärten Umständen am Osthang des namensgebenden Berges ums Leben. Das Fehlen von Überlebenden und vor allem die Begleitumstände des Vorfalls werfen bis heute Fragen auf. Bei Untersuchungen stellte sich beispielsweise heraus, dass die Opfer ihr Zelt von innen her aufgeschlitzt hatten und barfuß, leichtbekleidet in die eisige Umgebung geflüchtet waren – wie in panischer Flucht. Obwohl es keine äußeren Anzeichen eines Kampfes gab, wiesen manche Leichen außerdem erhebliche innere Verletzungen auf. Dies ist nur eine kurze Zusammenfassung, im entsprechenden Wikipedia-Eintrag und auf vielen weiteren Seiten können Interessierte noch reichlich zusätzliche Informationen und Spekulationen finden.
    Im Spiel schlüpft man in die Rolle eines Wanderers, der einige Zeit nach dem Unglück den Ort des Geschehens erkundet und ebenfalls in den Sog unheimlicher Ereignisse gerät.

    kholatcover

    (c) Headup Games
    Entwickler: IMGN.PRO
    seit 30.07.2015 im Handel
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    Wo bin ich?

    In der Egoperspektive bewegt man sich durch eine menschenleere Landschaft und hat von Anfang an das Gefühl, mutterseelenallein und auf sich selbst gestellt zu sein. Kholat gibt dem Spieler keine wirklichen Hinweise und kaum Hilfen – im Anschluss an das Intro mit den Informationen zur Vorgeschichte marschiert man einfach der Nase nach und hofft, irgendwann in die richtige Richtung zu stolpern, um verstreute Dokumente zu finden bzw. die passenden Szenen auszulösen.
    Nur einige (an Felsen und andere Umgebungselemente gekritzelte) Koordinaten geben ein wenig Aufschluss über weitere Fundorte.
    Doch selbst mit diesen Angaben ist es nicht immer leicht, die Stellen aufzuspüren. Wie im echten altmodischen Leben vor Smartphones und GPS wird auf der Landkarte nämlich nicht die aktuelle Position des Wanderers angezeigt und er muss mühsam mit einem Kompass hantieren, um wenigstens einigermaßen seine Richtung zu bestimmen. Mich persönlich hat das nach einer Weile schon ein wenig wütend gemacht. Gut, ich bin im echten Leben so orientierungslos, dass ich schon bei Besuchen im Altersheim Gefahr laufe, mich zu verirren (ich will gar nicht wissen, wie das dann erst mit Alzheimer aussehen würde…). Aber auch Leute, die besser mit dem Einschätzen von Richtungen und dem Erkennen schon gesehener Orte zurechtkommen, könnten bei Kholat des öfteren im Kreis marschieren.
    Wer auf realistischere Schneetouren steht und Fähnlein Fieselschweif-erprobt ist, freut sich dafür vielleicht über etwas mehr Herausforderung abseits der üblichen „Hier-lang-Pfeile“ moderner Games.

    Ratlosigkeit am Bahnhof

    Bild 1 von 8

    Ratlosigkeit am Bahnhof


    Ziemlich lahm

    Allerdings sind so oder so elend lange Laufwege in einschläferndem Tempo zu bewältigen. „Rennen“ kann man zwar auch, aber immer nur sehr kurz, bis der Protagonist schon wieder keuchend schlappmacht und seine Sicht verschwimmt.
    Apropos Sicht: Die verschneite Wildnis bietet einiges fürs Auge und die einsamen Bergregionen mit ihren Nadelbäumen, widerstandsfähigen Büschen und bizarren Felsformationen lassen eine besondere Atmosphäre aufkommen. Auch die sparsam eingesetzten, doch passenden Soundeffekte wie das Pfeifen des Windes unterstützen die Präsentation. Das Highlight, mit dem auch entsprechend geworben wird, ist die Stimme von Schauspieler Sean Bean, der hier als Erzähler fungiert (Kholat bietet übrigens nur englische Sprachausgabe).
    Leider ist die Geschichte, welche in diesem Abenteuer ja meist nur in Form von Tagebucheinträgen und ähnlichem bruchstückhaft enthüllt wird, jedoch recht wirr, klischeehaft und ohne befriedigenden Abschluss geblieben.
    Wie schon die Altersfreigabe ab 12 Jahren andeutet, muss man sich während des durch den Schnee Stapfens auf keine allzu heftigen Horror-Momente einstellen. Abgesehen von tödlichen Stürzen in Abgründe oder Löcher voller spitzer Pfähle machen einem vor allem die Begegnungen mit rätselhaften, dämonenartigen Wesen das Überleben schwer, beziehungsweise unmöglich (denn gegen die Viecher lautet der einzige Schutz: Gar nicht erst entdeckt werden). Solche Situationen wirken teils unfair platziert und machen den Neustart vom vielleicht eine ganze Weile entfernten letzten Speicher-Zelt aus nötig.

    Fazit

    Kholat hat mich ziemlich kalt gelassen, und das liegt nicht am Szenario (das eigentlich recht ansprechend ist). Obwohl die hübsche verschneite Optik und die gelungene, wenn auch zu seltene, Sprachausgabe sowie ein paar interessante Momente durchaus Atmosphäre aufkommen lassen, war mir das Drumherum mit endlos erscheinenden Laufwegen und unkomfortabler Handhabung einfach zu anstrengend. Die Geschichte ist nicht gut genug, um für mich das Herumirren lohnenswert zu machen. Spieler mit mehr Orientierungssinn und einer Vorliebe für ähnliche Explorations-Adventures können aber durchaus mal einen Blick in die Schneelandschaft riskieren.

    Wertung


    Pro

    • hübsche Schneelandschaften
    • stellenweise fesselnde Atmosphäre
    • gelungene Sprachausgabe und passende Soundkulisse

    Contra

    • langsames Herumirren ohne Plan
    • Orientierung stark erschwert
    • unfaire Stellen
    • wirre Geschichte

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Horror, Spiele
    von Christina Schmitt 17.Aug.2015 2.259 x gelesen