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    Mit einem ausgeliehenen Maniac Mansion auf dem Nintendo Entertainment System begann meine Adventure-Karriere. Es war ein schwieriger Start. Immer wieder gerieten die Helden in die Fänge des verrückten Dr. Fred und seiner Sippe. Ich war – in diesem dunklen Videospiel-Mittelalter lange vor praktischen Lösungen im Internet – heillos überfordert, aber auch fasziniert. Bei einer Freundin wurde später dann Monkey Island gespielt und es lief mit vereinten Kräften schon alles gleich viel besser. Viele Jahre nach den liebgewonnenen Klassikern präsentiert deren geistiger Vater Ron Gilbert nun Thimbleweed Park, eine Hommage an alles, was die alten Perlen und das Adventure-Genre an sich so faszinierend macht.

    thimbleweedcover

    (c) Terrible Toybox
    seit 30.3.2017 als Download für PC und Xbox One verfügbar

    Ein Hauch von Akte X
    Wir schreibend das Jahr 1987: In der titelgebenden pixeligen Kleinstadt ist ein Mord passiert und ein Agentenduo wider Willen nimmt die Ermittlungen auf. Anfangs kennt man nicht einmal die Identität des Toten, geschweige denn das Mordmotiv und den Täter. Doch dies sind längst nicht die einzigen Informationen, die es zu finden gilt – in der Ortschaft gehen seltsame Dinge vor sich, welche nicht zuletzt mit dem verstorbenen Fabrikbesitzer Chuck Edmund zu tun haben. Die Story bietet einige interessante Wendungen, Rückblenden sowie miteinander in Verbindung stehende Handlungsstränge und garantiert dadurch Abwechslung und Spannung, auch wenn insgesamt nicht hundertprozentig die erzählerischen Qualitäten oder die besondere Atmosphäre der Urväter erreicht werden. Agent Ray und Agent Reyes sind halt einfach kein Guybrush.
    Thimbleweed Park zeigt sich nicht nur optisch ganz klassisch, sondern auch in der Bedienung: Aktionen werden ausgeführt, indem man in der Verben-Liste am unteren Bildschirmrand das passende Befehlswort aussucht und auf den entsprechenden Gegenstand oder eine Person klickt (entweder per Maus oder alternativ mit dem Gamepad). „Öffne Tür“, „Benutze X mit Y“ – man kennt es ja. Etwas irritierend ist lediglich die Wortwahl bei der deutschen Übersetzung, denn statt „Nimm“ findet sich in der Liste z.B. „Nehme“. Bei den gebildeten Sätzen ist dann immerhin alles wieder richtig.
    Ansonsten ist die Lokalisierung der Texte aber gelungen und es wurden etwa lustige Wortspiele oder Erwähnungen länderspezifischer Fernsehsendungen treffend für die hiesigen Gefilde angepasst. Allerdings lediglich in Textform, denn Sprachausgabe ist nur auf Englisch mit an Bord. Die Sprecher machen ihre Sache gut, lediglich die Lautstärke wirkt stellenweise nicht ganz ausgegoren.

    Schräge Typen wohin man schaut
    Thimbleweed Park ist ein Fest für Nostalgiker. An jeder Ecke stößt man auf liebevolle Details wie Anspielungen auf die Adventure-Historie (sogar viele bekannte Gesichter und legendäre Gegenstände geben sich ein Stelldichein) oder technische Errungenschaften der 80er.
    Außerdem wird alles mit einer großen Ladung Humor präsentiert. Obwohl zwischendurch auch mal ein etwas bedrohlicherer Tonfall angeschlagen wird, sorgen schon allein die schrägen Bewohner des Städtchens für so manches Schumunzeln. Die Multiple-Choice-Dialoge stecken voller skurriler Einfälle und wer möchte, kann sich z.B. von manchen Personen auch noch dämliche Witze erzählen lassen.
    Nicht nur bei den Nebencharakteren gibt es genug Abwechslung – das Abenteuer bietet außer den erwähnten Agenten noch mehrere weitere spielbare Figuren, zwischen denen teils gewechselt werden kann. Und muss. So kennt sich etwa nur die junge Spieleprogrammiererin Delores mit Computern aus und nur der dauerfluchende Clown Ransome kann an einem bestimmten Wettbewerb teilnehmen. Oder man tätigt mit einer Person einen Ablenkungsanruf, woraufhin die andere ein benötigtes Objekt einsackt. Teilweise ist es auch nötig, Items aus dem Inventar an die anderen Protagonisten zur übergeben.

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    Die Agenten bei einer ihrer ersten Aufgaben

    Jede Menge Rätselspaß
    Die Entwickler stellen den Spielern freundlicherweise zwei Schwierigkeitsgrade zur Verfügung, die sehr gut durchdacht wurden. Anstatt bloß unterschiedlich viele Tipps anzubieten, sind der „gemütliche“ und der „normale“ Modus an vielen Stellen deutlich anders aufgebaut. Während in ersterem manche Schauplätze gar nicht betreten werden müssen und benötigte Objekte den Helden häufig fertig hergestellt in die Hand gedrückt werden, muss man in der schwereren Variante wesentlich mehr Kombinationsarbeit leisten und auch die Interaktion zwischen Charakteren spielt eine größere Rolle. Schon der Casual-Durchgang erfordert durchaus Köpfchen, geübte Adventure-Fans werden aber vor allem am größeren Umfang (ca. 10 Stunden) und den raffinierten Rätseln der regulären Variante ihre helle Freude haben. Hier sind Hirnschmalz und Geduld gefragt, die Puzzles bleiben aber erfreulicherweise logisch und lösbar, wenn man alle Hinweise beachtet.
    Manchmal wäre allerdings eine „moderne“ Hotspot-Anzeige hilfreich, denn hier muss der Bildschirm noch ganz klassisch nach benutzbaren Dingen abgesucht werden. In anderen Bereichen ist Thimbleweed Park dann aber doch mit der Zeit gegangen, so etwa bei der durch Doppelklick zu erhöhenden Laufgeschwindigkeit und dem Notizbuch, in dem jede Figur automatisch ihre zu erledigenden Aufgaben festhält.

    Optionale Aktivitäten

    Die Kickstarter-Kampagne zur Finanzierung der Entwicklung hat in Thimbleweed Park deutliche Spuren hinterlassen: Wer die Telefone im Spiel nicht nur zum Anwählen der fürs Rätsellösen nötigen Nummern nutzen will, kann zahllose von der Backer-Community aufgenommene Sprachnachrichten abhören, auf eher lesewütige Spieler warten außerdem haufenweise ulkig benannte Kurz-Bücher, die ebenfalls von Usern verfasst wurden.
    Während die Grafik des Spiels bei der treuen Unterstützer-Gemeinde große Sympathie weckt, ist sie für Neulinge wahrscheinlich doch gewöhnungsbedürftig. Zwar gingen die Macher mit viel Liebe zum Detail zu Werke, die Orte sind abwechslungsreich gestaltet und manche Effekte wären früher definitiv nicht möglich gewesen, der arg pixelige Look wirkt auf heutigen Bildschirmen aber halt ziemlich altertümlich.

    Fazit

    Thimbleweed Park ist sehr empfehlenswertes neues Spielefutter für alle Fans der Adventure-Klassiker im Stil von Maniac Mansion. Mit Pixel-Charme, schrägen Charakteren, skurrilen Situationen, Dialogen voller Witz und vor allem mit kniffligen Rätseln machen die Ermittlungen in der seltsamen Kleinstadt richtig Spaß. Lediglich ein paar Punkte wie die fehlende deutsche Sprachausgabe oder der Verzicht auf eine Hotspot-Anzeige wären noch verbesserungswürdig. Und der Retro-Look wird wahrscheinlich einige potenzielle Neueinsteiger abschrecken, die hier dank optionalem Casual-Mode ansonsten eigentlich ganz gute Karten hätten.

    Wertung


    Pro

    • jede Menge knifflige und gut designte Rätsel
    • viel Humor und Anspielungen auf Adventure-Klassiker
    • mehrere spielbare Charaktere
    • interessante Story mit einigen Wendungen
    • zwei Schwierigkeitsgrade zur Auswahl
    • Umfang stimmt
    • überzeugende englische Sprachausgabe
    • haufenweise Sprachnachrichten und Bücher
    • Pixel-Look mit viel Charme...

    Contra

    • ...aber schon etwas ZU altmodisch
    • keine deutsche Sprachausgabe
    • keine Hotspot-Anzeige

    Hinweis: Für diese Rezension wurde uns vom Hersteller/Verleih/Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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    Kategorien: Abenteuer, Fantasy, Spiele
    von Christina Schmitt 1.Apr.2017 1.687 x gelesen