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    Im Rahmen der Blogtour zu Sebastien de Castells „Hochverrat“ haben wir ein Interview mit Carsten Polzin geführt, dem Programmleiter von Piper Fantasy. Neben dem aktuellen Roman haben wir auch über die gegenwärtige Situation und die Zukunft der Fantasy gesprochen.

    Polzin

    Carsten Polzin, seit 2006 Programmleiter Fantasy bei Piper, stand uns Rede und Antwort
    Bild © Anke Gröger

    Hallo Carsten, bitte stell dich unseren Lesern kurz vor.
    Ich habe Jura studiert, wollte aber immer in den Verlagsbereich und arbeitete daher schon während des Studiums für mehrere Verlage als freier Mitarbeiter im Bereich Fantasy und Science Fiction. Nach dem Zweiten Staatsexamen begann ich 2004 dann bei Piper, zunächst als Verantwortlicher für das Fantasy Taschenbuch. Seit 2006 bin ich Programmleiter für die gesamte Fantasy-Reihe, 2012 gründete ich dazu das Label ivi, in dem wir phantastische Young-Adult-Romane veröffentlichen. Fantasy und Science Fiction lese ich seit meiner frühesten Jugend und bin daher immer noch und in erster Linie Fan.

    Täuscht der Eindruck, dass der große Boom zumindest bei der klassischen Fantasy etwas abgeflaut ist, trotz des Hobbits und Game of Thrones? Wie siehst du aktuell die Aussichten für die Phantastik im allgemeinen, und einzelne Subgenres im speziellen? Unterscheidet sich der Markt in Deutschland hier von internationalen Märkten?
    In den letzten zehn Jahren haben wir einen Höhenflug der Fantasy erlebt, der natürlich durch die „Herr der Ringe“-Filme begünstigt wurde, dann kamen Harry Potter und Twilight. Das breite Publikum „erwachte“ und erkannte, dass es da etwas gab, das Fantasy hieß, das irgendwie gar nicht so schlecht zu sein schien wie immer gedacht.
    Wer sich einen ähnlichen Schub durch den „Hobbit“ erhofft hatte, wurde enttäuscht. Mal abgesehen davon, dass man über die Umsetzung und Erzählweise der „Hobbit“-Filme streiten kann, lässt sich so eine Welle der Begeisterung weder planen und noch so einfach wiederholen. Heute kennt jeder Tolkien und lässt sich von einem Hobbit, der um die Ecke kommt, nicht mehr so leicht vom Hocker hauen. Auch George R.R. Martin konnte durch die Fernsehserie hauptsächlich für sich selbst etwas tun, weniger für den gesamten Fantasy-Markt.
    Fantasy ist und bleibt eben, allen irrationalen Hoffnungen des Buchhandels zum Trotz, eine Nische. Sie ist immens gewachsen und wird nun wieder etwas kleiner, aber sie wird immer da sein. Solange internationale und deutsche Autoren sich immer wieder neu erfinden und hohe Qualität bieten, werden sie ihre Leserinnen und Leser begeistern können. Gerade in Deutschland ist die traditionelle Fantasy besonders erfolgreich. Und die ist gewissermaßen zeitlos. Daher müssen wir uns um das Genre keine Sorgen machen. Es ist auch ganz gut so, wenn wir uns in Zukunft etwas weniger mit liebeskranken Vampiren befassen müssen und Fantasy wieder das sein darf, was sie wirklich ist.

    Gefühlt gibt es fast kaum noch Einzelromane in der Fantasy. Ist das von den Verlagen so gewünscht? Hat das nicht auch Nachteile, wenn man – bei ausbleibendem Erfolg – dann unter Umständen eine unvollständige Serie im Programm und wütende Fans hat, die kein Verständnis haben, weil der Rest der Serie nicht veröffentlicht wird?
    Es ist ja nicht so, dass wir vom Verlag aus zu den Autoren gehen und sagen: Ihr schreibt jetzt eine achtbändige Serie, verstanden? Entweder hat der Autor Stoff für eine Serie oder für einen Einzelroman. Das Gefühl stimmt hier auch nicht ganz – gerade in den letzten Jahren gibt es wieder mehr Einzelwerke. Wenn ein Autor nach einem erfolgreichen Roman aber großartige Ideen für eine Fortsetzung hat, kann aus einem Einzelroman auch schnell eine Serie werden.
    Ich verstehe aber die Sorge vieler Leser, ob begonnene Serien auch zu Ende geführt werden können. Es ist sehr ärgerlich, wenn eine Serie mit 12 Bänden angekündigt wird und sie nach 6 Bänden eingestellt wird. Das ist auch für einen Verlag ein Teufelskreis, denn viele Leser werden erst abwarten, bis alle Bände erschienen sind, bevor sie den ersten kaufen. Mit der Folge, dass die Verkäufe von Anfang an schlecht sind und die Aussichten auf eine Fortführung eher düster. Dabei liegt es aber keineswegs immer an den Verlagen, solch eine Entscheidung zu treffen. Oft wirft auch der Autor das Handtuch, der amerikanische Originalverlag stellt die Reihe ein, was dann auch für die deutsche Ausgabe das Aus bedeuten kann, und und und. Ich habe aber den Anspruch, dass begonnene Serien, wenn irgend möglich, auch zu Ende geführt werden.

    Foto_DeCastell

    Der Kanadier Sebastien de Castell debütierte mit „Blutrecht“
    Bild © Pink Monkey Studios

    Habt ihr ein festgelegtes Verhältnis zwischen ausländischen und deutschsprachigen Autoren in eurem Programm? Was gibt den Ausschlag, ob ein Programmplatz mit einem unbekannten Autor aus Deutschland oder einem unbekannten Autor aus Übersee besetzt wird?
    Es gibt keinen Verteilungsschlüssel, was die Herkunft der Autoren angeht. Ich denke immer von den Stoffen her – was ist interessant, was originell, was hat die Qualität, die die Fans begeistern kann? Auf der anderen Seite legen wir bei Piper besonderen Wert auf deutsche und deutschsprachige Autoren, denn gerade in diesem Genre sind in den letzten Jahren hochkarätige Schriftsteller herangewachsen. Daher ist der Anteil deutschsprachiger Autoren im Vergleich zu anderen Verlagen bei Piper Fantasy besonders hoch.

    Mit Sebastien de Castell habt ihr einen kanadischen Debüt-Autor ins Programm genommen. Wie wurdet ihr auf ihn und die Greatcoats aufmerksam? Hat „Blutrecht“ die Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen?
    Als mir eine befreundete Verlegerin aus England von ihrem neuen Autor Sebastien de Castell berichtete, klang das sehr interessant – und sein Manuskript überzeugte sofort. Der erste Band hat sich recht gut verkauft, und angesichts der derzeitigen Schwierigkeiten im Markt, Aufmerksamkeit auf neue Autoren zu lenken, können wir mit dem Start der Reihe zufrieden sein.

    Eine Besonderheit bei „Hochverrat“ ist, dass die erste Hälfte des zweiten Teils der Greatcoats-Serie zuerst in Deutschland erscheint und der Autor sogar einige Abschnitte speziell für die deutsche Fassung angepasst hat. Wieso habt ihr euch zu diesem Schritt entschieden? Kommt so etwas öfter vor?
    Das ist auch für uns ein nicht alltäglicher Fall – wir haben schon Romane vor dem amerikanischen oder englischen Original publiziert oder gar englischsprachige Autoren zunächst in deutscher Sprache veröffentlicht, bevor sie in ihrer Heimat einen Verlag fanden. Aber bei den Greatcoats mussten wir angesichts der langen Verzögerung der Originalausgabe durch den britischen Verlag das Problem lösen, dass die Fans auf die Fortsetzung warten und wir sie nicht bis nächstes oder gar übernächstes Jahr vertrösten wollten. Das hat auch der Autor so gesehen und sich eine Menge Arbeit gemacht, um seinen deutschen Leserinnen und Lesern so schnell wie möglich neue Greatcoats bieten zu können.

    hochverrat_cover

    (c) Piper Verlag
    Teil 2 der Greatcoats-Serie
    seit 8.12.2014 im Handel
    Leseprobe / Bestellen bei Amazon

    Zwar konntet ihr damit die Wartezeit auf Hochverrat verringern, aber wird das Problem damit nicht in die Zukunft exportiert? Teil 3 wird doch in Übersee wohl erst 2016 erscheinen, plant ihr dann wieder zwei Teile und eine angepasste deutsche Fassung?
    Ich bin zuversichtlich, dass die Abstände zwischen den Bänden nicht zu groß werden. Ursprünglich war die Serie auf vier Bände angelegt, und ich gehe derzeit davon aus, dass das auch so bleiben wird. Der Autor arbeitet mit Hochdruck an den nächsten Bänden.

    Um die deutsche Übersetzung des zweiten „Greatcoats“-Bandes komplett zu lesen, muss man 2 Bücher kaufen. Wenn man von den 16,99 Euro ausgeht, die der erste Teil („Hochverrat“) kostet, käme man insgesamt auf 34 Euro bei einem Umfang von knapp 800 Seiten. Wie rechtfertigt ihr das gegenüber euren Lesern und befürchtet ihr nicht, dass ihr Leser an die deutlich günstigere englische Fassung verlieren werdet?
    Der Ladenpreis ist natürlich immer zu hoch. Jeder, auch ich, will möglichst wenig für ein Buch bezahlen, wie eigentlich für jedes Produkt, das er kauft. Ich weiß auch, dass man es als Leser leid ist, die Klagen der Verlage über Kalkulationen, Übersetzungskosten und hohe Papierkosten zu hören. Aber die Wahrheit ist, dass der Ladenpreis nicht als Marschrichtung feststeht und dann ein Buch dazu gebastelt wird, sondern umgekehrt: wenn wir unsere Romane in hochwertiger Ausstattung und guter Qualität auf den Markt bringen wollen, ergibt sich der notwendige Ladenpreis von selbst. Ich bin überzeugt davon, dass wir den Fans im Gegenzug auch etwas fürs Geld bieten. Sicherlich machen wir nicht alles perfekt, aber vielleicht doch immer wieder auch ein paar Dinge besser als die Konkurrenz.
    Was die englischsprachigen Ausgaben betrifft: Freilich können wir mit den Kampfpreisen englischer Originalausgaben nur selten konkurrieren, was auch daran liegt, dass es dort keine Preisbindung gibt und große Online-Händler ihre Bücher kurz nach Erscheinen mit 50% oder gar 70% Rabatt verschleudern. So funktioniert der deutsche Markt nicht. Ich glaube aber auch, dass die meisten Leser eine Grundsatzentscheidung treffen, ob sie bestimmte Romane in deutscher Übersetzung oder im englischen Original lesen wollen. Der Anteil derjenigen, die nur aufgrund des Preises auf die Originalausgabe ausweichen, wird dementsprechend nicht so hoch sein. Wichtiger ist wohl die Frage, wann man als Fan in den Genuss der deutschen Ausgabe kommt und wie lange man darauf warten muss. Daher gilt es, dass wir mit unseren Ausgaben rechtzeitig auf dem Markt sind, bestenfalls früher oder gleichzeitig und nicht erst Jahre nach dem englischsprachigen Original.

    Mit Hugh Howey habt ihr auch einen der Stars der US-Selfpublisher im Programm. Glaubst du, dass vermehrt US-Selfpublisher in die deutschen Verlage kommen werden, oder wird es auch in Zukunft hauptsächlich beim Lizenzgeschäft mit internationalen Verlagen bleiben? Habt ihr auch die deutschen Selfpublisher-Stars auf dem Zettel?
    Natürlich sind die Selfpublisher hochspannend für uns – gerade in unserem Genre. Da gibt es Autoren, die großartige Erfolge feiern, auch wenn man immer bedenken muss, dass das oft durch kostenlose Ausgaben beflügelt wird, an die die Leser dann nicht die gleichen Ansprüche stellen wie an ein teures, gedrucktes Buch. Den Markt beobachten wir sehr genau. Und auch deutsche (ehemalige) Selfpublisher gibt es bereits in unseren Programmen, wenn auch noch nicht bei Piper Fantasy.

    Ein Ausblick zum Schluss: Aktuell überfluten Zombie-Serien den Phantastik-Markt, bei Fantasy ist „Grim & Gritty“ angesagt, von Steampunk spricht hingegen kaum noch jemand. Ist schon ein „Next big Thing“ am Phantastik-Horizont auszumachen? Was sucht ihr aktuell für euer Programm?
    Voraussagen zu Trends sind zumeist reines Wunschdenken der Verlage. Meine Meinung ist: Es wird wieder an dem einen großen Buch (oder vielleicht auch Film) liegen, der das Publikum begeistern und andere Autoren, Serien und damit das ganze Genre beeinflussen wird. Daher suchen wir weniger nach speziellen Stoffen (auch wenn es Richtungen gibt, die wir künftig ausbauen werden, das wird aber noch nicht verraten) als mehr nach qualitativ hochwertigen Büchern. Denn die brauchen wir immer.

    Vielen Dank für das ausführliche Interview.

    Das Interview führte Jörg Benne per eMail, die Bilder wurden uns vom Piper Verlag zur Vergügung gestellt.

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    Kategorien: Bücher, Fantasy
    von Jörg Benne 11.Dez.2014 2.314 x gelesen
    • Jörg Benne

      Kommentar per eMail
      „Hallo und guten Tag,

      interessantes Interview von Seiten des Verlages kommt nicht oft vor, dass sich da mal jemand äußert.

      LG..Karin.“

    • sffanfan

      Na ja! Also, gerade dieser Verlag, hat Zwei Reihen von deutschen Autoren nicht beendet. Splitterwelten von Michael Peinkofer und Daniela Knors Reihe fehlt auch noch der dritte Band an dem der Verlag gar kein Interesse mehr hat. Bei anderen Verlagen fallen mir da gerade keine Beispiele zu ein. Auf jeden Fall keine mit deutschen Autoren. OK, und bei Splitterwelten bin ich mir auch nicht zu 100% sicher.